Montag, 1. Oktober 2007

Die Bobos erobern den Balkan (II)

Über die Revitalisierung des "Brunnenviertels" in Wien schreibt "szeneblogger":

Die Verwandlung des von Zuwanderung geprägten Grätzels rund um den Brunnenmarkt schreitet voran - In der Umgebung hat sich auch eine junge Kunstszene etabliert. Auch die Wiener "Boboqueen" Andrea Maria Dusl wird in letzter Zeit dort öfter gesichtet: erwirbt die bekannte "Falter" - Autorin, "Standard" - Redaktrice und Multikreative etwa im Brunnenviertel bald ein Penthouse?

Fast zehn Jahre ist es her, dass die Revitalisierung des Brunnenmarktes in Angriff genommen wurde. Doch erst in letzter Zeit haben sich Veränderungen in dem abgewohnten und von Migranten geprägten Viertel im Arbeiterbezirk Ottakring bemerkbar gemacht. Davon zeugt auch das Brunnenviertler Herbstfest, das am 22. September zum sechsten Mal von den Kaufleuten organisiert wurde.

Gefeiert wurde am Yppenplatz, jenem Teil des Brunnenmarkts, an dem sich abzeichnet, in welche Richtung die von der Stadt und dem Bezirk forcierte Aufwertung des angeblich längsten Straßenmarkts Europas führt: Auf dem "Piazza" titulierten Platz haben sich neben den mehrheitlich türkischen Marktstandlern Feinkostläden, hippe Bars und Restaurants angesiedelt, die großteils von einem studentischen Publikum mit hohem "Bobo"-Faktor frequentiert werden.

Dabei ist es die zugewanderte Bevölkerung, die Ottakring zu einem Wachstumsbezirk macht: Der Anteil an Menschen ohne österreichischen Pass steigt stetig an und liegt derzeit bei 25,8 Prozent. Die meisten Zuwanderer kommen aus Ex-Jugoslawien, gefolgt von der Türkei. Im Brunnenmarktviertel liegt der Ausländeranteil sogar bei 41 Prozent. Weil der Brunnenmarkt mit seinem "orientalischen Flair" ein Symbol für die kulturelle Vermischung schlechthin ist, nutzen auch Politiker jeder Couleur den Markt gern als Kulisse für Wahlkampfaktionen. Selbst der türkische Premier Tayyip Erdogan ließ sich nach dem offiziellen Staatsbesuch im Jahr 2003 einen Rundgang durch den Brunnenmarkt nicht nehmen.

Dass es in dem Grätzel zu einer Gettoisierung komme, weist die Stadtverwaltung stets von sich. Zur Verbesserung des "sozialen Klimas" investiert die Stadt in die Gebietsbetreuungen, die Caritas will in der vor Kurzem eröffneten "brunnenpassage" Jugendlichen der Zweiten Generation die Integration erleichtern. Investiert wird vor allem in die "sanfte Stadterneuerung": Mittels Kooperationen zwischen Stadt und Bauträgern soll verhindert werden, dass durch Neubauten und Sanierungen in dem Gründerzeitviertel die Mieten steigen und die ansässige Bevölkerung durch wohlhabender Schichten verdrängt wird - so wie es in anderen Städten bereits passiert ist.

Derzeit wird mitten am Brunnenmarkt, dessen Sanierung bis 2009 abgeschlossen sein soll, gebaut: Ein Wohnhaus samt Polizeistation, welche Taschendieben und Hütchenspielern den Garaus machen soll, entsteht anstelle des abgerissenen Kaufhauses Osei, das zuletzt vom Kunstfestival "Soho in Ottakring" bespielt wurde. In der Umgebung hat sich eine junge Kunstszene etabliert, die leer stehende Lokale für Ateliers und Galerien nutzt.

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