Samstag, 26. August 2006

germanblogs. germanblogs?

In den letzten Tagen war eine sehr interessante Diskussion über die Zukunft des Bloggens im allgemeinen und über die Rolle des Weblogs im Bereich der Online Relations, etwa im Corporate Blogging im besonderen, im Gange.

Es geht um die Frage, ob Blogs Reichweite brauchen. Gemeint ist: Wird aus der Kunstform Blogging nun langsam doch ein Ersatz für schlechtbesuchte Verkaufsplattformen?

"Brauchen Blogs Reichweite"? Diese Frage führt uns, wenn wir sie bejahen, zur elektronischen Bild-Zeitung: ich versammle Experten und Fachleute auf bestimmten Gebieten, also Redakteure à la PM - Magazin oder Wirtschaftswoche, "damit ich Leser kriege". Das ist kein Blogging, das ist Onlinejournalismus unter dem feschen Begriff Blogger. Und es funktioniert nicht: Warum soll ich auf Germanblogs über Strickmode lesen, wenn ich das in 400 Magazinen auch finde, ggf. besser? Dass viele gute Beiträge dort zu lesen sind, steht ja außer Zweifel. Aber die finde ich noch reichlicher in den Medien, dazu brauche ich keine übergestülpte Bloggerglocke.

Das für mich traurigste Beispiel eines solchen misslungenen Versuchs, eine "starke Bloggerplattform" zu werden, die das Volk als "Experten" und Redakteure glücklich machen und belehren, ist daher nach meinem derzeitigen Beobachtungsstand zweifelsohne Germanblogs.

Dort wird genau das gemacht, was den faszinierenden Besonderheiten, aber auch der potenziellen Kraft des Bloggens, das dadurch und eben dadurch gutes Corporate Blogging oder gelungenes Instrument der Online Relations werden kann, die Seele raushaut: die elektronische Bild - Zeitung, ob das jetzt dem Ed Wohlfahrt oder dem Bernd Röthlingshöfer eingefallen ist, weiss ich nicht, werden wir gleich nachchecken.

Germanblogs will "Experten", darunter den Kapitalvernichter und Ex - Neue - Markt - Guru Erich J. Lejeune von der Skandalbude CE Consumer Electronic, als Ersatz für die Redaktionen von FAZ oder ftd.de auf die "Leserschaft" loslassen. Und genau hier liegt die Schwachstelle des auf den ersten Blick interessanten Konzepts. Experten, die sicher kluge Sachen auf ihrem Gebiet verfassen, habe ich tonnenweise von den Wikis bis zur Süddeutschen Zeitung. Folglich wird Germanblogs ein tragisches Zwitterwesen aus Onlinejournalismus und Blogging, beide Bereiche mit den Beinchen nicht mehr erkrabbelnd. Einmal verbreitet der Motivationsblogger, dass es in Deutschland nur aufwärts gehen kann, ein andermal lesen wir, was wir überall schon gelesen haben, z.B., dass man bei Online - Dates aufpassen muss, ob der Märchenprinz aus dem Chat nicht in Wirklichkeit sieben Kinder, Bierbauch und Glatze hat. Die "Frauenseite" fasziniert mich besonders durch die Behandlung der Frage der Einsetzbarkeit von Strick- und Wirkwaren vor dem Hintergrund des nahenden Herbstes.

Germanblogs ist ein Versuch, heise.de, FAZ, Spiegel & Co über preiswert reingeholte Hobbyredakteure gleichzeitig anzugreifen, um "Leser" zu kriegen. Lieb gemeint, aber wieder einmal Contentschwäche - auf der Suche nach der "Reichweite".

Da schau ich mir lieber den Toni Mahoni an, der ist echt und lebt wie eine Filmfigur, dennoch nur sich selbst spielend. Da lese ich lieber hier bei twoday.net einen Blogger, der einfach nur bescheiden und authentisch schreibt, aber hautnah und schön, was er, und zwar er, auf seinen Spaziergängen durch Wien erlebt und wie es mit den Sofiensälen weitergeht: den "Wiener Gugelhupf". Da gehen mir die übrigens bemerkenswerten Romanversuche und der charmant prickelnde Vatikan- und Italiano - Kick im kunstvoll angerichteten Blog-Carpaccio (grazie) einer elsalaska mehr unter die Haut als gesichtslos - kompetente "Kinoblogger" von der Firma Germanblogs, die mir als die "Kino - Experten" von Germanblogs eine abgekupferte Filmkritik vorbloggggen wollen. Als User will ich das nicht lesen.

Fazit: Man muss nicht alles haben.

Auf Germanblogs können wir ebenso verzichten wie auf die Blog - Versuche diverser Lifestyle- und Frauenzeitschriften. Das alte Lied: Männer und Hausarbeit.

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